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Beschreibung einer Szene aus "Das Glück"

Während das Licht im Saal langsam ausgeht, werden tiefe Klänge hörbar. Sie verweben
sich zu einer dichter werdenden Fläche, die zu pulsieren beginnt. Auf der Leinwand
schälen sich aus der nun erreichten völligen Dunkelheit des Raumes schemenhaft
erkennbare bewegte Farbflächen. Changierende Sequenzen aus höheren elektronischen
Tönen mischen sich in die Musik. Die heller werdenden Farbflächen lassen verschwommen
eine vorüberziehende Landschaft erkennen. Schritte eines Läufers treiben den
Rhythmus an. Plötzlich taucht der Läufer selbst auf und zieht seine Runden durch den
Raum.
Schnitt: auf den Monitoren sind Computergrafiken zu sehen. Die Sequenzen wechseln
schnell. Eine Frau stürzt in den Bühnenraum, nimmt einen Anruf entgegen.
Während sie spricht, geht ein weiterer Anruf ein, den dieselbe Frau im Film entgegennimmt.
Der Raum ist erfüllt von einer Klangmontage, die aus den Geräuschen von
Tintenstrahldruckern entwickelt ist.
Auf einem Monitor ertönt aus der Computergrafik ein Signal. Die Frau auf der Bühne
eilt zu dem Bildschirm, berührt ihn, notiert etwas. Ein weiteres Telefon fordert ihre
Aufmerksamkeit. Sie taucht auf einem Monitor auf und beginnt, etwas in den Computer
einzugeben. Die Abfolge der Ereignisse wird immer dichter, die Schnittfrequenz steigt.
Sie handelt gleichzeitig auf der Bühne, im Film und auf den Monitoren.
Schnitt: die Bühne ist dunkel. Auf dem Film erscheint die offene Weite einer
Parklandschaft. Der Läufer zieht seine Bahn. Ein Schnitt im Film zeigt die Frau
aus der vorhergehenden Szene im gleichen Park. Sie gibt eine SMS in ihr Handy
ein. Eine schneller werdende Schnittfolge zwischen den Beiden kumuliert in ihrem
Zusammenprall. Ihre beiden Handies fallen dabei zu Boden.
Schnitt und Lichtwechsel: beide liegen auf der Bühne, direkt nach dem Zusammenprall.
Der Läufer atmet schwer. Während sie sich erheben, ist auf der Leinwand hinter ihnen
der leere Park zu sehen. Sie sind zunächst verwirrt, dann ärgerlich. Sich gegenseitig
beschimpfend gehen sie ihrer Wege.
Erst zuhause bemerken sie, daß sie ihre Handies, die beim Zusammenprall auf den
Boden gefallen waren, vertauscht haben.....
Dies ist der Anfang ihrer Geschichte, die im Wechsel der medialen Ebenen erzählt wird.

Ideen zur Umsetzung von Geschichten, die multiperspektivisch

Die Geschichte "Das Glück" wird gleichberechtigt auf der Bühne und im Film erzählt.
Der Film erscheint projiziert auf einer Leinwand im Bühnenhintergrund. Es gibt Momente,
in denen das Stück ausschließlich im Film weitergeführt wird - die Bühne ist dunkel. In
anderen Szenen tritt der Film zurück, definiert die Räume, in denen die Bühnenhandlung
spielt. Das Aufzeigen dieser Räume wird unterstützt von kleineren Videoprojektionen,
die variabel im Bühnenraum verteilt sind. Durch den Einsatz von vier synchronisierten
DVD-Zuspielgeräten ist ein präzises und schnelles Zuspielen der Projektionen möglich.
Die Einsätze der Bilder passen sich dem Spielfuß an. Es gibt Phasen, in denen nur die
Schauspieler auf der Bühne spielen und alles andere schweigt. Bühne und Film erfordern
unterschiedliche Spielweisen. Für die Schauspieler entsteht damit die Herausforderung, für
ihre Figuren eine Film- und eine Bühnenspielweise zu entwickeln. In manchen Szenen müssen
sie sich auf den vorgegeben Ablauf von Film- oder Videosequenzen einstellen.
Multiperspektivisches Erzählen wird möglich.
Film und Theater bereichern sich gegenseitig. Die Szenen- und Raumwechsel auf der Bühne
vollziehen sich in der schnittartigen Geschwindigkeit des Films. Der Bühnenraum wird
flüssig, löst sich aus der Materie bedingten Starrheit. Der Film wird von seiner
Beschränktheit, immer eins nach dem anderen zeigen zu müssen, befreit.
Eine Spielszene auf der Bühne wird beispielsweise gleichzeitig in drei unterschiedlichen
Blickwinkeln und Ausschnitten auf den Projektionen gezeigt.Oder es tauchen gleichzeitig
mehrere innere Aspekte einer Figur, die auf der Bühne agiert, in den Projektionen auf:
- der Teil der Figur, der sich in abschweifenden Gedanken entfernt, bewegt sich
im Film an einen anderen Ort;
- der innere Beobachter, der die Szene begleitet, kommentiert oder Ratschläge
gibt, äußert sich von einer Videoprojektion aus;
- innere Konflikte bei der Entscheidungsfindung werden in einer Gruppe, deren
Mitglieder alle vom selben Schauspieler gebildet werden, ausgetragen, usw.
Es ist notwendig, eine einfache Geschichte zu erzählen, um die komplexen
Möglichkeiten dieser Methode in einen stimmigen Erzählfluss zu integrieren.
So wie der Kubismus seine Fähigkeit, einen Gegenstand von mehreren Standpunkten aus
gleichzeitig betrachten zu können, an einfachen Motiven entfaltete, vertieft sich "Das Glück"
in die alltäglichen Momente, in denen sich die Liebenden befinden.
Alltagsgeräusche, die an einem Ort der Handlung vorkommen, werden so
bearbeitet, dass sie nicht mehr genau zu erkennen sind, und dennoch ihren
Grundcharakter behalten. Die neu zusammengefügten Klänge geben der Szene
ihren spezifischen akustischen Raum. Die räumliche Zuordnung wird dem
Zuschauer dadurch erleichtert. Er findet sich zurecht, unabhängig davon, ob der
Raum gerade im Film oder auf der Bühne zu sehen ist.
Die Musik unterstützt die emotionale Entwicklung des Stückes. Sie hilft,
disparate Elemente zusammenzuführen und zu verschmelzen, Schnitte in einen
Fluss zu bringen. Sie schafft Übergänge zu den Klangräumen, indem sie deren
Klänge integriert.